Parkour steckt in jedem Menschen

24. März 2011 Tellerrand

In Aktion: Einer der Traceure während eines sehr riskanten Sprungs.

Text: Sonja Gersonde/Fotos: Parkour-Team, Hendrik Jakowlew (www.jakowlew-medien.com)

„Ich habe immer etwas gesucht, was wirklich Spaß macht“, sagt Domenik Büsing. Der 22-jährige Bremer Student der Technomathematik nahm vor zwei Jahren an einem Parkour-Workshop in Oldenburg teil und ist seitdem begeisterter Traceur. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, hat er Stephan Nägler zu verdanken. Der 37-jährige Oldenburger brachte die Sportart nämlich erst in den hohen Norden. 2007 besuchte er einen Freund in der Schweiz, der ihm Parkour-Videos auf YouTube zeigte. „Das haben wir dann gleich selber ausprobiert. Wir waren grottenschlecht, es war total gefährlich, hat aber saumäßig Spaß gemacht“, lacht Nägler. Zurück in Oldenburg holte er sich einen Freund ins Boot. Aus zwei Leuten wurden bald fünf und aus fünf wurden nach einem halben Jahr bereits 20. Dazu kam Anfang 2008 eine Kooperation mit dem Judo Club Achternmeer-Hundsmühlen. Mittlerweile zählt der Verein mehr als 100 Mitglieder. Rund die Hälfte trainiert regelmäßig und bildet damit den „harten Kern“.

Die Kunst der effizienten Fortbewegung

Parallel dazu entwickelte sich auch in Bremen eine eigene Parkour-Szene. In Kooperation mit dem Sportverein Bremen 1860 werden regelmäßig Workshops angeboten. Da die „Kunst der effizienten Fortbewegung ohne jegliche Hilfsmittel“, sowohl Technik- als auch Kraft- und Ausdauerelemente vereint, ist ein hartes und gezieltes Training erforderlich. Neben Workshops für Erwachsene, Jugendliche und Kinder wird Stephan Näglers Parkour-Team auch für Firmenpräsentationen, TV-Drehs oder Projekttage in Schulen engagiert. Sogar Anfragen aus Italien kamen schon. Das Interesse der Medien steigt kontinuierlich. Dabei ist „Le Parkour“ gar nicht so neu.
Seine Ursprünge liegen in der „Méthode Naturelle“, einer Kombination aus körperlichen und geistigen Trainings in der Natur, praktiziert von dem französischen Soldaten Georges Hébert im späten 19. Jahrhundert. Der Rettungsgedanke spielt dabei eine entscheidende Rolle: Leben retten durch die Überwindung jeglicher Hindernisse in der Natur. David Belle übertrug die Idee der „Méthode naturelle“ auf die Stadt und taufte es Parkour. „Leider wurde die Sportart zu Beginn in den Medien als Adrenalinjunkiesport verrissen“, sagt Stephan Nägler, der sich im Herbst letzten Jahres als Parkourtrainer selbstständig gemacht hat. „Parkour ist kein Über-Dächer-Springen, wie man es aus diversen Actionfilmen kennt, sondern findet in Bodennähe statt“, stellt er klar. Auch Salti und Handstände seien nicht Gegenstand der Sportart. Beim Parkour geht es nicht um Akrobatik oder waghalsige Sprünge aus drei Metern Höhe: „Man klettert an Wänden hoch, aber springt nicht immer von oben hinunter, sondern klettert sie, wenn die Möglichkeit besteht, wieder hinunter“.

„Man muss nicht sportlich sein!“

Und das kann jeder, da sind sich Nägler und Büsing einig: „Man muss nicht sportlich sein! Ich bin vorher nur ein bisschen geschwommen“, sagt Domenik Büsing. Beim Parkour hatte ich dann unheimlich schnell erste Erfolgserlebnisse, die mich immer weiter angespornt haben“. Mindestens zwei Mal die Woche versuche er neben dem Studium zu trainieren. Für ihn ist es das Schönste, abends nach vier Stunden Training ins Bett zu fallen und zu wissen, dass er etwas geschafft hat. „Parkour steckt in jedem Menschen“, da ist sich auch Nägler sicher: „Durch die Industrialisierung und die moderne Technik haben die Menschen bestimmte Fähigkeiten schlicht und einfach verlernt. Diese werden durch Parkour wieder neu geweckt.“ Das führe dazu, dass man Wege wieder direkt geht. Traceure, was übersetzt soviel bedeutet wie „die, die den Weg ebnen“, suchen sich dabei die Schwerpunkte, die ihre Stadt zu bieten hat. In Bremen ist das die Schlachte, wo sich jeden Donnerstag zwischen 20 und 25 Bremer und Bremerinnen zum Training am Theaterschiff treffen. „Die Schlachtemauer ist mein persönliches Highlight“, schwärmt Büsing. Ihre Beschaffenheit und die „schöne Schräge“ machen sie seiner Meinung nach zum perfekten Ort für Parkour.

Parkour ist kein Wettkampfsport

Obwohl der Frauenanteil unter den Traceuren in Oldenburg und Bremen mit 25-30 Prozent schon ungewöhnlich hoch ist, liegt er bundesweit bei unter 10 Prozent. „Es gibt Eigenschaften, die Frauen tatsächlich besser für Parkour geeignet machen, als Männer“, gibt Nägler zu. „Körperbewusstsein oder Balance“, fügt er hinzu, „müssen von Männern erst erlernt werden, während es vielen Frauen einfach zu liegen scheint.“ Männer versuchen dagegen, alles mit Kraft zu erreichen. Außerdem haben viele Menschen Hemmungen, überhaupt Sport zu machen, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später mit Anderen messen müssen. Nägler sieht aus diesem Grund eine große Chance für Parkour: „Es ist kein Wettkampfsport und kann ohne Leistungsdruck von außen betrieben werden!“. In Zukunft möchte er deshalb noch mehr Workshops anbieten, um bei den Leuten das Bewusstsein für die richtige Technik zu schärfen. „Besonders beim Nachahmen von Videos passieren viele Fehler“, warnt er. „Parkour sollte nicht unterschätzt werden!“. Das harte Training lohnt sich am Ende allemal: „Wenn man merkt, dass man mit seinem Körper Dinge tun kann, die man ihm vorher niemals zugetraut hätte, ist das schon toll“, sagt Nägler. Parkour sei über die Jahre eine Lebenseinstellung für ihn geworden, etwas, wofür sein Herz brennt: „Spaß habe ich an vielen Sachen, aber Parkour ist eine Leidenschaft!“.

Hard facts:
Muss ich sportlich sein? Nein, jeder kann Parkour!

Wie alt muss mein Kind sein? Kinderparkour im Verein ab circa 9-13 Jahre. Das Training berücksichtigt den Wachstum des Körpers. Fortgeschritten ist man ab 14 Jahren. Nach oben hin sind dem Alter keine Grenzen gesetzt. Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers!

Kann ich mal beim Training zuschauen oder mitmachen? Sicher. Trainiert wird immer donnerstags ab 17 Uhr am Theaterschiff an der Schlachte und samstags um 13 Uhr bei Bremen1860 im Baumschulenweg 10 in der Halle 3. Empfehlenswert vor der aktiven Teilnahme am Outdoortraining ist der einmonatige Grundlagen-Workshop.

Mehr Infos zu Workshops und Trainingszeiten unter: www.parkour-team.de

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